Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“

1.Mose 32,27

Liebe Leserin und lieber Leser,

es ist jetzt über 20 Jahre her. Ich besuchte in meiner alten hessischen Heimat Frau M., die schon lange an Multipler Sklerose erkrankt war. Es war beeindruckend für mich, wie sie mit dieser schlimmen Krankheit umging. Schon mit Anfang 50 hatten sich bei ihr die ersten Anzeichen gezeigt. Immer stärker war sie im Laufe der Jahre von Lähmungserscheinungen beeinträchtigt. Sie erzählte mir, wie ihr Glaube nach der Diagnosestellung auf eine harte Probe gestellt worden war. Welche Perspektive hatte sie noch im Leben? Was konnte sie noch leisten? Wie definierte sie jetzt ihren Wert? Und: Wie konnte Gott das alles zulassen? Sie fühlte sich selbst von Gott missbraucht. Die Schmerzen, unter denen sie litt, erreichten oftmals ein Maß des Unerträglichen. Jahrelang, so sagte sie mir, habe sie mit Gott um eine Heilung oder wenigstens um Antworten auf ihre quälenden Fragen gerungen. Sie habe regelrecht mit Gott gekämpft.

Frau M. übte mit ihrer Art und mit ihrem Umgang mit der schlimmen Krankheit eine hohe Anziehungskraft auf mich aus. Ich besuchte sie gerne und hatte, wenn ich sie wieder verließ, oft den Eindruck, viel stärker von dem Besuch bei ihr zu profitieren, als sie von mir. Wenn ich sie traf, hielt sie mir einen Spiegel vor Augen: Ich sah mich selbst in ihrer Lage und fragte mich, wie ich wohl an ihrer Stelle reagieren würde. Ich sah mich selbst in jeder Begegnung mit ihr in meinem Glauben angefragt. Solange es mir gut ging, solange ich zufrieden mit meinem Leben sein konnte, solange hielt auch mein Glaube.

Mittlerweile sind über 20 Jahre vergangen und ich habe auch so manchen Kampf mit Gott gekämpft. Gott sei Dank bin ich bis jetzt nicht von einer chronischen, zum Tode führenden Krankheit betroffen. Und dennoch gab es immer wieder Zeiten in meinem Leben, die mich in meinem Glauben immens aufgerüttelt und durchgeschüttelt haben. Wie oft habe ich, der ich doch jeden Sonntag das Evangelium von Gottes Liebe und Barmherzigkeit verkündige, in diesen Zeiten selbst an diesem Gott gezweifelt. Und vor allem an meinem Glauben.

Wenn ich etwas von Frau M. gelernt habe, dann das, dass mein Glaube immer nur ein Produkt von Gottes Segen ist. Und um diesen Segen will ich bitten. Inständig bitten. Ich will ihn erflehen. Oder, wie Jakob bei seiner seltsamen Begegnung mit Gott am Jabbok, „erkämpfen“.

Zum Schluss meiner Besuche bei Frau M. hatte sich zwischen uns ein kleines Ritual entwickelt. Wenn es für mich Zeit wurde zu gehen, dann fragte ich immer, wie wir unsere Begegnung beenden sollen. Sie sah mich dann an, schmunzelte und sagte: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“. Und dann habe ich sehr gerne für sie (und für mich!) gebetet und sie im Namen von Jesus Christus gesegnet.

Bei einem unserer letzten Treffen sagte sie zu mir: „Ja, so ist das im Leben. Vieles ist Kampf. Aber der Kampf um Gottes Segen ist der einzige Kampf, den wir wirklich gewinnen können. Denn Gott segnet sehr gerne.“ Und dann hob sie einen Arm für wenige Zentimeter – mehr ging nicht – von der Lehne ihres Rollstuhls und segnete auch mich.

Manchmal ist unser Leben auch ein Kampf. Schauen wir genau hin, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Den Kampf um Gottes Segen werden wir nicht verlieren. Wenn wir unserer inneren Sehnsucht nach Gottes Hilfe und Beistand nachgehen, uns nach seinem Segen ausstrecken, DANN WIRD ER SEGNEN!

Ich wünsche Ihnen diese großartige Erfahrung!

Ihr Pastor

Rüdiger Franz

 

 

(Kopf-Bild: Manuela Kühnert  / pixelio.de)