Am 8. November 2020 habe ich den Ordinations-gottesdienst meines Bruders in der FeG Bottrop besucht. Dieser war, genau wie bei uns, unter den gegebenen Umständen und mit entsprechenden Maßnahmen sehr schön organisiert. Für meinen Bruder überraschend, im Hintergrund mit der dortigen Gemeindeleitung abgesprochen, habe ich seine ihm frisch anvertraute Gemeinde ein Stück mit hineingenommen in seine Lebensgeschichte auf dem Weg zu Gott aus meiner Perspektive. Natürlich nicht unvorbereitet, ich hatte in den Wochen vorher überlegt und Gott gebeten, mir die Worte in den Mund zu legen, die nicht nur meinen Bruder mit Erinnerungen erfreuen, sondern auch Zeugnis sind für die Glaubensgeschwister. Während dieser Zeit habe ich mich an vieles erinnert, vom ersten Besuch eines Gottesdienstes hier in Jülich, also das Kennenlernen einer Freien evangelischen Gemeinde – ist das sicher hier keine Sekte? Gottesdienst in einer Wohnung… -, an die ersten Gespräche, meine ersten Begegnungen mit Gott und an die erwachte Sehnsucht zu finden, was mein Bruder zu diesem Zeitpunkt bereits für sich entdeckt hatte, bis hin zu meinem Entschluss, Gott mein Leben zu übergeben und ihm nachzufolgen.

In dieser Zeit habe ich, ob bewusst oder unbewusst, Christen in ihrem Verhalten genauer beobachtet und festgestellt, dass sie in manchen Dingen irgendwie anders sind als Nichtchristen. Ich denke, ein normaler Prozess, wenn man sich auf den Weg macht, um Gott zu finden und vor allem um herauszufinden, was die anderen an diesem Gott so begeistert.

Ich begegnete Menschen, die einander halfen, einfach der Hilfe wegen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Ich hörte Menschen von Gott sprechen als ihren Himmlischen Vater, der sie bedingungslos liebt und der auch mich bedingungslos lieben würde – es gibt jemanden, der mich kennt und bedingungslos liebt? Wirklich?unglaublich(!), oder doch nicht?… – Mir fiel auf, dass der Umgang miteinander geprägt ist von Freundlichkeit und Güte, Wertschätzung und Herzlichkeit. Eine sehr gute Freundin erzählte mir, dass Gott barmherzig ist. Zunächst war das für mich ein Wort, das ich nicht recht zuordnen konnte. Aber je mehr Zeit verstrich, desto mehr füllten die Begegnungen mit Gott und den Menschen dieses Wort mit Taten. Ich erkannte, dass Barmherzigkeit die liebevolle Hinwendung zu meinen Mitmenschen ist, dass sie bedeutet, mein Herz zu öffnen und zu helfen, wo es notwendig ist. Ich verstand, dass Barmherzigkeit ganz eng verknüpft ist mit der liebevollen Annahme eines jeden so wie er ist und dem Verzeihen von Fehlern und Verletzungen. Ich lernte darauf zu vertrauen, dass Gott auch mir ein barmherziger Vater ist, der sein Herz immer für mich geöffnet hat, egal was geschieht. Ich fand die Liebe, die meine innere Sehnsucht zu stillen vermag, wie ich es mir vorher nie hätte vorstellen können. Ich fand eine Liebe, die mich begeistert, die ich mir zum Vorbild nehmen und an andere weitergeben möchte. So, wie Jesus uns in der Jahreslosung für das neue Jahr auffordert:

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Lukas 6,36

Melanie Roderburg

 

(Kopf-Bild: S.Hofschlaeger  / pixelio.de)