Neige, HERR, dein Ohr und höre!

Öffne, HERR, deine Augen und sieh her!

2.Könige 19,16

Gerade habe ich mit fleißigen Helfern die Spenden unserer Gemeinde nach Eschweiler gebracht und bin nun auf dem Weg zu meinem Bruder in den Ruhrpott. Die letzten Tage waren sehr angespannt und ich sehne mich danach etwas Luft zu holen und aufzuatmen. Die schrecklichen Ereignisse durch das Hochwasser, egal ob in den Medien oder direkt vor der Haustüre, haben mich seelisch erschöpft. Um Kraft zu tanken will ich Lobpreismusik hören, weiß aber nicht, welche Lieder mir jetzt guttun. Also lege ich die Wahl in Gottes Hand und drücke den Button „zufällig“. Es ertönen die ersten Zeilen des Titels „Psalm 142 – Ich rufe zu dir Herr“.

Ich ruf zu dir mein Herr, stell du mich wieder her. Ich schütte mein Herz aus vor dir… und werde hellhörig beim Refrain Ich rufe zu dir Herr – Erbarme dich meiner – Meine Zuflucht bist du o Herr, o Herr, o Herr! … Er klingt ähnlich, wie die Monatslosung für den Monat August aus 2. Könige 19,16.

Wie vielen Menschen mögen diese Worte jetzt gerade tief aus der Seele sprechen? Das Lied klingt weiter Ich sehe um mich her, find keine Hilfe mehr, Herr ich weiß weder aus noch ein, …

So viele stehen vor dem Nichts, haben ihr Zuhause verloren, müssen sich und ihr Leben ganz neu aufbauen und orientieren. Wie groß muss die Welle der Verzweiflung sein, die Gott in jedem Gebet entgegenschlägt? Wie groß die Trauer um all die Menschen, die den Fluten zum Opfer gefallen sind? Es lässt sich nur erahnen.

Das Lied besingt, wie der Titel verrät, den Psalm 142, einen Psalm Davids. Wie auch in anderen Psalmen ruft David den Herrn aus der Not heraus an und spricht ihm gleichzeitig Lob zu. Er vertraut darauf, dass Gott ihn aus seiner Not befreit. So heißt es auch hier doch ich vertrau, nur dir allein. Herr ich vertrau, nur dir allein… Die Zuversicht, die David hat, ist vorbildlich und gleichzeitig vielleicht schwer zu verstehen. Ich bete und hoffe, dass sehr sehr viele – am besten alle – Menschen es ihm gleichtun können.

Sicher ist, Gott erhört unsere Gebete. Hilfe ist da, und zwar jede Menge! Es wird angepackt und geräumt, auch die Spendenbereitschaft ist enorm hoch. So hoch, dass Annahmestellen nach wenigen Stunden ein Annahmestopp ausriefen um die Spenden erst mal zu sortieren und weiterzuleiten. Hilfskräfte aus ganz Deutschland haben sich auf den Weg gemacht um zu unterstützen und die Not zu lindern, wo sie nur können. Menschen rücken zusammen und sind gemeinsam stark.

All das und mehr sind Gründe dankbar zu sein. Lasst uns den Dank im Gebet vor Gott bringen:

Danke, für jedes tröstende Wort.

Danke, für jede helfende und zupackende Hand.

Danke, für jeden Kaffee, der geteilt wird.

Danke, für die Verpflegung der Betroffenen und Helfenden.

Danke, für jede Decke und jedes Kissen, das gespendet wurde.

Danke, für jedes Kleidungsstück, das gespendet wurde.

Danke, für das Sortieren und Verteilen der Spenden.

Danke, für jeden Kuchen und jedes Brötchen, das verteilt wurde.

Danke, für jeden Unterschlupf, der gewährt wurde.

Danke, für jedes Gebet, das gesprochen wurde und gesprochen wird.

Danke, dass du Herr, da bist und deinen Heiligen Geist aussendest, Menschen zu mobilisieren und zu leiten.

Danke, für jedes Herz, das sich finden lässt und in dir Kraft und Trost erfährt.

Danke, Herr, dass du uns hörst, wenn wir zu dir rufen.

Danke, … – Setze deinen persönlichen Dank fort und vertraue, wie David darauf, dass du gerettet wirst.

Amen.

Melanie Roderburg

 

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Fortsetzungsgeschichte aus dem Gemeindebrief April/Mai 2021:

Gott, warum schweigst du nur?

Priester Alfons wälzte sich in seinem Bett hin und her. Er konnte einfach keine Ruhe finden. Zu aufgewühlt war er und vielerlei Gedanken schwirrten durch seinen Kopf.

Schließlich gab er erst einmal resigniert seine Bemühungen auf, sich in einen erholsamen Schlaf zu zwingen.

Er stand auf, zog sich etwas über, verließ die Wohnung und betrat die leere Kirche.
Seine Kirche – also die Kirche, wo er schon seit wer weiß wie vielen Jahren seinen Dienst tat und die ihm zur Heimat geworden war.

Das Dunkel der Nacht tat dem Kirchenraum gut. Wer wie er so viel Zeit in diesem Gebäude verbringt, hatte ein Auge dafür, welche Ecken und Stellen nicht mehr so ansehnlich waren. In dem gnädigen Dunkel wurde das jetzt alles verdeckt.

Aber für Renovierungen war eben kein Geld da. Wie es überhaupt an allen Enden fehlte.

Immer mehr war man gezwungen gewesen, Angebote zu reduzieren, weil einfach die Mittel und Möglichkeiten geringer wurden.

Die wenigen freiwilligen Helfer wurden immer älter und junge Kräfte ließen sich nur noch schwer begeistern. Denn sobald ihnen andere Dinge wichtiger wurden, blieben sie dann ganz weg. Und das ging immer schneller so. Schließlich wollte man ja noch etwas Spaß haben im Leben. Christsein und Lebensfreude scheinen sich für immer mehr Menschen eben gegenseitig auszuschließen.

Priester Alfons setzte sich in eine Kirchenbank. Es war eine der „Familienclan-Bänke“. So nannte er insgeheim solche Bänke, die schon seit Jahren immer von den Angehörigen einer Familie benutzt wurden. Großeltern, Eltern, Kinder und irgendwann Kindeskinder. Onkel, Tanten, Geschwister usw. Das wurde manchmal richtig eng und erstreckte sich auch schon einmal über mehrere Bankreihen.

Im Laufe der Jahre „lichteten“ sich dann aber diese Reihen. Das Erstaunliche daran war dabei, es vollzog sich nicht in der „natürlichen“ Reihenfolge, sondern vielfach umgekehrt, also zuerst die jungen Menschen gingen. Die jungen Leute verloren das Interesse, es war ihnen zu langweilig oder zu schwierig, wenn sie selber kleine Kinder hatten und, und, und…

Die Eltern wollten mehr Zeit für ihre Enkel, zum Ausspannen oder um die berufsbedingt verstreut lebenden Kinder zu besuchen. Übrig blieben dann oftmals die Alten, die kamen, solange der Körper noch mitmachte.

Priester Alfons seufzte.

Er fühlte sich zunehmend noch als reiner „Dienstleister“. Für die Taufe, weil’s ja dazu gehört, zur Hochzeit, weil’s so romantisch ist und schließlich zur Beerdigung, weil ja jemand die richtigen Worte finden musste.

Er hatte schon seit einiger Zeit resigniert und fühlte sich einfach nur noch ausgebrannt.

Die Gründe, warum er einmal Priester geworden war? Die waren schon vor langer Zeit verloren gegangen. Das Feuer in ihm, mit dem er Menschen für Gott begeistern wollte, war fast erloschen.

Gott!“ rief er laut durch die leere Kirche.
„Gott, warum schweigst Du nur?
Hast Du DAFÜR deinen Sohn gegeben?
Damit wir zu Ostern ein besonders langes Wochenende haben und bunte Eier essen können?“

— soweit im Gemeindebrief.. und so geht es weiter: —

Die Worte verhallten im Kirchenraum. Die Stille danach wirkte noch bedrückender. Seine Klage gegen Gott blieb ungehört.

Mit hängenden Schultern und müden Schritten verließ Priester Alfons schließlich die leere Kirche und fand zu Hause dann doch noch in einen unruhigen Schlaf.

Aber auch am nächsten Morgen sah die Welt nicht besser aus. Mit der Routine seines jahrzehntelangen Dienstes, aber ohne Freude im Herzen, begann Priester Alfons seine Aufgaben abzuarbeiten. Es galt Anfragen zu beantworten, Termine abzustimmen und sich um tausenderlei Dinge zu kümmern.

Der Mensch wurde immer kleiner unter dieser Last. Eigentlich hielten ihn nur sein Pflichtgefühl und die Gewissheit, dass sonst wieder eine Kirche aufgegeben werden müsste, davon ab, um Entlassung aus dem Dienst zu bitten.

Kurz vor Mittag ging er zum Schaukasten, um noch die Zettel abzuhängen, die zum Ostergottesdienst eingeladen hatten. Schließlich war ja Ostern vorbei und man brauchte Platz für andere Aushänge.

Von weitem sah er noch, wie ein offensichtlich Obdachloser interessiert auf die Zettel schaute und dann langsam weiterschlurfte. Priester Alfons nahm gerade die Zettel aus dem Kasten, als der Obdachlose stehen blieb und sich umdrehte.

Glauben Sie, dass er ein besserer Mensch geworden wäre?“

Priester Alfons war etwas irritiert. „Wie bitte?“

Der Obdachlose kam langsam auf ihn zu und schaute ihn neugierig an. „Glauben Sie, dass er ein besserer Mensch geworden wäre? Wenn er tatsächlich lebend von dem verdammten Kreuz runtergekommen wäre? Wäre er nach Hause gegangen und hätte ein neues Leben begonnen?“

Priester Alfons verstand nur Bahnhof. „Äh – ich weiß jetzt nicht, was Sie meinen.“

Der Obdachlose kam noch etwas näher und seine Worte kamen ruhig und bedächtig. „Nun, als man Jesus ans Kreuz schlug, da kreuzigte man doch mit ihm zusammen zwei Verbrecher. Einer sagte dann zu Jesus „Herr, wenn du in dein Reich kommst, dann denke an mich!“ Und Jesus sagte „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!“ Da frage ich mich, ob der Verbrecher tatsächlich glaubte, dass Jesus Gottes Sohn ist. Oder dachte er sich einfach nur „du bist sowieso am Ende, da kann es ja nicht schaden, sich möglicherweise ein Hintertürchen mit vorgespielter Reue offen zu halten.
Da kann man ja auch so tun als ob, denn er wusste ja, dass er sein Leben nicht mehr ändern und auch seine Taten nicht mehr gutmachen könnte. Anders als z.B. dieser Zachäus, der ja die Leute, die er übers Ohr gehauen hatte, später entschädigt hat. Aber der Verbrecher konnte da gut reden, denn er musste ja nicht mehr den Beweis antreten.“

Priester Alfons war zunächst irritiert. Aber wenn man sich die Sache genauer überlegt, dann steckte doch in dieser Begebenheit die ganze Heilslehre Jesus Christus. Denn Errettung erfährt der Mensch ja alleine dadurch, dass er Jesus Christus als den Sohn Gottes erkennt und ihm sein Leben anvertraut. Selbst wenn es erst kurz vorm Tod geschieht.

Priester Alfons‘ Worte kamen aus seinem Herzen wie lange nicht mehr: „Wenn Jesus Christus Gottes Sohn ist und davon bin ich aus tiefster Seele überzeugt, dann schaut er den Menschen in die Herzen und erkennt, ob man es ehrlich meint oder nicht. Jesus Christus hat bei diesem Sünder gemerkt, dass seine Reue aufrichtig war und er in Jesus Christus seinen Retter erkannt hatte. Der Verbrecher erfuhr Erlösung, auch wenn seine Vergehen nicht mehr ungeschehen gemacht werden konnten und ein neues Leben auf dieser Welt nicht mehr möglich war. Das ist die Gnade unseres Gottes, die wir durch seinen Sohn Jesus Christus erfahren dürfen, der für uns einsteht.“
„Amen!“, sagte der Obdachlose, der ganz ergriffen seine schmutzige Mütze abgenommen hatte. Priester Alfons lächelte und es war sein erstes Lächeln an diesem Tag (wenn nicht sogar seit längerer Zeit). Es tat ihm gut, Gewissheiten auszusprechen, die ihm als Priester – ach was, als Christ – eigentlich selbstverständlich sein sollten. Und doch ließ er es immer wieder zu, dass diese von Sorgen und Kümmernissen zugedeckt wurden.
Sie redeten noch eine ganze Weile miteinander und man spürte, es tat beiden gut. Schließlich war es Zeit zum Abschied. „Vielen Dank“, der Obdachlose schüttelte seine Hand. „Vielen Dank! Schön, dass Sie Zeit für mich hatten.“
Priester Alfons war sichtlich gerührt über diese Freude und wollte noch etwas Gutes für den Obdachlosen tun. „Brauchen Sie etwas? Etwas zu essen, eine Unterkunft oder sonst irgendetwas?“
„Nein, nein – danke!“, der Obdachlose schüttelte den Kopf. „Ich hab, was ich brauche. Bauer Hinterhuber lässt mich in seinem alten Hühnerstall schlafen und wenn ich keinen Ärger mache und etwas mithelfe, bekomme ich auch Essen und Trinken. Das reicht mir.“

Die beiden Männer verabschiedeten sich freundlich voneinander und der Obdachlose schlurfte davon.

Priester Alfons war wie ausgewechselt. Diese Begegnung beschäftigte ihn weiter durch den Tag. Denn je mehr er nachdachte, desto klarer wurde ihn, dass eigentlich viele Nebensächlichkeiten den Blick auf das Wesentliche verstellt hatten. Als wenn eine lange verschlossene Türe wieder geöffnet worden war, hinter der längst vergessene Dinge verborgen gewesen waren. Diese Erkenntnis stimmte ihn froh und er nahm sich vor, diese Türe nicht mehr zu verschließen.

Am Abend beschloss Priester Alfons, dass er doch noch etwas für den Obdachlosen tun wollte, ja musste. Also packte er ein paar Lebensmittel und Kleidungsstücke zusammen und machte sich auf den Weg.

Den Bauern Hinterhuber kannte er und wusste, dass er seinen Hof am Rande des Dorfes hatte.

Aber dieser war einigermaßen überrascht über den Besuch und auch ziemlich verwirrt.

Ein Obdachloser? Bei mir? Was denn für ein Obdachloser? Bei mir wohnt kein Obdachloser und den alten Hühnerstall habe ich schon vorigen Sommer abgerissen. Der war ja ganz baufällig.“

Ratlos und unverrichteter Dinge machte sich Priester Alfons wieder auf den Heimweg. Er hatte sich diese Begegnung doch nicht eingebildet. Hatte der Obdachlose einfach nur eine falsche Auskunft gegeben? Es war schon seltsam.

Aber die Erkenntnis aus dieser Begegnung, ob nun eingebildet oder nicht, wurde für ihn ganz deutlich und er nahm sich fest vor, dass diese zukünftig sein Leben bestimmen sollte. Und die nächste Nacht würde er wieder gut schlafen.

Gott schweigt nicht!

Nur wir Menschen – wir hören oftmals nicht zu!

Jürgen Veit

 

(Kopf-Bild: S.Hofschlaeger  / pixelio.de)