„Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

Johannes 16,20

Liebe Leserin und lieber Leser,

mögen Sie Abschiede? Zugegeben, ich habe meiner Erinnerung nach bisher keinen Menschen kennen gelernt, der sich gerne von irgendwem oder irgendwas verabschiedet. So auch ich nicht. Zumindest nicht von lieben Menschen, von wertvollen Gegenständen, liebgewordenen Ideen und Wünschen, oder von Lebensabschnitten.

Und doch liegt in Abschieden ja auch immer so etwas wie die Voraussetzung für einen Neuanfang. Man spürt es jedoch im Schmerz des Abschieds oft nicht. Jemand hat einmal gesagt: „Nur wer vom Alten wirklich Abschied genommen hat, kann auch das Neue ergreifen.“

Jesus spricht mit seinen Jüngern über seinen Abschied. Im Evangelium nach Johannes ziehen sich die Reden Jesus‘ zu seinem Abschied über vier Kapitel (Kap 13-16). Und jedes Mal sind die Jünger irritiert. Denn sie verstehen kaum, was Jesus sagt. Sie sind doch erst so kurz mit ihm unterwegs! Ihre Vorstellung ist, dass sie noch viele Jahre miterleben werden, wie Jesus predigt, wie er Menschen gesund macht, Dämonen austreibt und damit das Reich Gottes verkündigt. Außerdem rechnen sie fest damit, dass er der verheißene Messias ist, der sie von der Unterdrückung der römischen Besatzer befreien wird. Und dann soll alles anders werden?

Jesus begleitet seine Jünger in diesem Prozess. Er hilft ihnen, sich auf seinen Weggang und den damit verbundenen Abschied einzulassen. Nur wer sich einlässt, kann sich verabschieden. Zweimal erwähnt Jesus, dass er nur noch „eine kleine Weile“ da sein wird (Kap 13,33 + 16,16). Wer sich auf eine solche Nachricht einlässt, wird etwas fühlen. Entweder Vorfreude oder tiefe Traurigkeit. Die Jünger sind fassungslos. Das macht es schwer, sich bewusst drauf einzulassen. Wer sich drauf einlässt, hat schon begonnen, den Weg des Abschieds zu akzeptieren.

Jesus lässt seinen Jüngern Zeit. Er drängt sie nicht. Es ist wie bei einer Frau, die entbindet (16,21). Es bringt in der Regel nichts Gutes, diesen Vorgang zu beschleunigen. Er braucht Zeit. Wer Abschied nimmt, braucht Geduld. Man wünscht sich, es sofort hinter sich zu bringen. Aber man kann den Abschied nicht erzwingen. Man kann ihn nur gestalten.
Jesus tut dies, indem er immer wieder davon spricht. Das erscheint eine hilfreiche Medizin zu sein, die den Schmerz des Abschieds lindert. So erleben es auch die beiden Jünger, die auf dem Weg nach Emmaus sind (Lukas 24). »Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten.« (V. 14). Wohl dem, der einen Menschen hat, der sich Zeit nimmt und geduldig zuhört. Immer und immer wieder.

Zum Abschied nehmen gehört auch, irgendwann das Neue zu denken. Das scheint ein Wagnis. Aber es führt „zu neuen Ufern“.

Jesus liegt viel daran. Deswegen weißt er immer auch auf das hin, was kommen wird. So auch: »Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.« (16,20) und »…euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.« (16,22b).

Liebe Leserin und lieber Leser, Abschiede gehören zu unserem Leben. Gerade verabschieden wir uns vom Sommer. Herbst und Winter stehen vor der Tür. Sie erinnern uns an die Endlichkeit allen Lebens im Lauf der Jahreszeiten. Sie erinnern uns aber auch an unsere persönliche Endlichkeit. Die endet aber nicht im großen Nichts, sondern in den Armen unseres guten Vaters im Himmel. Wenn wir uns auf ihn einlassen und unsere ganze Hoffnung auf das neue Leben setzen. Wagen wir diesen Abschied, wie lange er sich auch noch hinzieht.

Gott segne uns dabei!

Ihr Pastor Rüdiger Franz

 

 

 

(Kopf-Bild: Manuela Kühnert  / pixelio.de)