Liebe Leserin, lieber Leser,

in der Jahreslosung zum neuen Jahr 2023 geht es um das Thema: „Gesehen werden“. Dieses Thema kann zwei ganz unterschiedliche Eindrücke bei uns auslösen: Einerseits regt sich ein Einspruch gegen das „gesehen werden“. Es kommt von der Erfahrung, dass jemand Einblicke in mein Leben hat, die eigentlich verborgen bleiben sollen. Wir wollen uns nicht beobachtet fühlen. Aus gutem Grund gibt es eine Privatsphäre, die wir schützen wollen. Das heißt, dass in die tieferen Schichten unseres Lebens nur enge Vertraute Zugang haben. Wenn nun jemand von außerhalb einen solchen Einblick bekommen könnte, zudem noch ohne unser direktes Einverständnis, würden wir das vermutlich als Einbruch in unsere Privatsphäre erleben.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine große Sehnsucht in uns, dass uns jemand sieht. Und diese Sehnsucht betrifft nicht nur die äußeren Schichten unserer Person, sondern unser innerstes Wesen. Man kann sagen, dass es eine Grund-Sehnsucht gibt, dass jemand einen vollen und gleichzeitig wohlwollenden Einblick in unser ganzes Leben hat, mit allen Stärken und Schwächen, mit allen Höhen und Tiefen, mit allem Zerbruch, aller Verzweiflung und aller Hoffnung.
In dem 1. Buch der Bibel, Genesis, macht eine Frau mit dem Namen Hagar völlig überraschend eine solche Entdeckung. Sie erfährt, dass es einen Gott gibt, der sie mit ihrem ganzen Leben sieht. Und dass er sie gleichzeitig annimmt: Nicht nur mit ihren guten Seiten, sondern auch mit ihren Schattenseiten. Und mehr noch: Dass er einen Weg für sie hat, auf dem er sie führen will.

Voller Hoffnung, Überzeugung und Freude wird ihr klar:

Du bist ein Gott, der mich sieht.“ – Genesis 16, 13

Gesehen zu werden gibt uns Menschen Selbstbewusstsein – weil wir merken: Ich werde nicht vergessen, ich bin jemand. Und ich bin Gott wichtig.


Gott sieht Hagar. Und Gott sieht auch dich heute. In deinen glänzenden Momenten und in deinem Leid. Mit all deinen Schwächen und Stärken, bist du angesehen bei Gott. Du bist wichtig. Einfach, weil du bist. Nicht aufgrund dessen was du tust, was du leistest oder in welchen Beziehungen du stehst. Gott liebt dich, weil du bist. Mehr noch. Du bist, weil Gott dich liebt.


Ich denke, dass diese Liebe, diese radikale Bejahung Gottes von uns als Person, das ist, was wir „Würde“ nennen. Diese Würde, dieser Wert, kann uns nicht genommen werden. Sie ist uns als Geschöpf Gottes von Anfang an geschenkt.

Was für einen Unterschied kann es heute machen, wenn Menschen diese Erfahrung machen: Da ist jemand, der sieht mich und der hört mich. Besonders dann, wenn es für Menschen nicht selbstverständlich ist, dass sich jemand für sie interessiert. Menschen, die keine eigene Stimme haben, oder geflohen sind aus unmenschlichen Zuständen. Aus Situationen in denen keine Hilfe da war. Aus Streit oder kompromittierenden Verhältnissen.

So spricht uns Gott in der Jahreslosung 2023 einerseits zu, dass auch wir von Gott gesehene und geliebte Menschen sind, an denen er ein großes Interesse hat.


Und andererseits sendet er uns zu anderen Menschen, damit auch sie die Erfahrung machen können: „Ich bin gesehen. Da ist jemand, der interessiert sich für mich. Und ich bin bei ihm angenommen.“

Liebe Geschwister, lasst uns diese Jahreslosung mitnehmen in das neue Jahr. Lasst uns dafür beten, dass Menschen diesen wunderbaren Gott kennenlernen. Und lasst uns auf dem Weg machen, Menschen neu zu begegnen. Dass wir mit unseren Worten und Taten zeigen: Du bist ein von Gott angesehener und geliebter Mensch.

Seid gesegnet!


Euer Pastor

Aaron Stenzel

 

(Kopf-Bild: pixabay.com)